Wir ähneln den Bewohnern einer kleinen isolierten Insel, die gerade das erste Boot erfunden haben und sich daranmachen, ohne Karte oder überhaupt nur ein Ziel in See zu stechen.
Der Techno-Humanismus will den menschlichen Geist optimieren und uns Zugang zu unbekannten Erfahrungen und neuen Bewusstseinszuständen ermöglichen. Das Upgrade des menschlichen Geistes ist jedoch ein extrem kompliziertes und gefährliches Unterfangen. Wir wissen über den Geist nicht wirklich Bescheid. Wir wissen nicht, wie er entsteht oder was seine Funktion ist. Mittels Versuch und Irrtum lernen wir, wie man mentale Zustände erzeugt, aber welche Implikationen solche Manipulationen haben können, begreifen wir nur selten. Da wir nicht das gesamte Spektrum mentaler Zustände kennen, wissen wir nicht, welche mentalen Ziele wir uns setzten sollen.
Wir können nicht einmal wahrnehmen, dass wir auf einer winzigen Insel des Bewusstseins inmitten eines riesigen Ozeans fremder Geisteszustände leben. Menschen können nur einen winzigen Teil des elektromagnetischen Spektrums sehen. In seiner Gesamtheit ist das Spektrum rund 10 Billionen (Eine Billion sind tausend Milliarden) Mal grösser als das des sichtbaren Lichts. So wie die Spektren von Licht und Klang weit grösser sind als das, was wir Menschen sehen und hören können, so ist auch das Spektrum mentaler Zustände weitaus grösser, als sich der durchschnittliche Mensch bewusst ist. Wir können Licht nur in Wellenlängen zwischen 400 und 700 nm sehen. Oberhalb dieses kleinen Fürstentums menschlichen Sehens erstrecken sich die unsichtbaren, aber riesigen Weiten der Infrarotstrahlung, der Mikrowellen und der Radiowellen, und darunter liegen die dunklen Königreiche der Ultraviolett-, Röntgen- und Gammastrahlen.
Wenn ich Psychologieprofessor in Harvard bin, ist es für mich viel leichter, Versuche mit meinen eigenen Studenten als mit den Bewohnern irgendeines kriminalitätsgeplagten Problemviertels in New York durchzuführen – ganz zu schweigen von einer Reise nach Namibia, um dort Jäger und Sammler in der Kalahari-Wüste zu erforschen. Es ist jedoch gut möglich, dass die Bewohner des Problemviertels in New York und die Jäger und Sammler in der Kalahari Geisteszustände erleben, auf die wir niemals stossen werden, wenn wir Psychologiestudenten aus Harvard dazu zwingen, seitenlange Fragebögen auszufüllen oder ihren Kopf in fMRT-Scanner zu stecken. Selbst wenn wir die ganze Erde bereisen und jede einzelne Gemeinschaft untersuchen, werden wir immer nur einen begrenzten Teil des geistigen Spektrums der Sapiens abdecken. Heutzutage sind alle Menschen mit der Moderne in Berührung gekommen, und wir gehören alle zu einem einzigen globalen Dorf. Zwar sind die Wildbeuter der Kalahari etwas weniger modern als Psychologiestudenten in Harvard, aber sie sind keine Zeitkapsel aus unserer fernen Vergangenheit. Auch sie wurden von christlichen Missionaren, europäischen Händlern, reichen Ökotouristen und neugierigen Anthropologen beeinflusst. Vor der Entstehung des globalen Dorfes war der Planet eine Galaxie isolierter menschlicher Kulturen, die möglicherweise Geisteszustände erzeugt haben, welche heute ausgestorben sind. Unterschiedliche sozioökonomische Wirklichkeiten und Alltagsroutinen zogen unterschiedliche Bewusstseinszustände nach sich. Wer könnte den Geist von steinzeitlichen Mammutjägern, neolithischen Bauern oder Samurais der Kamakura-Zeit ermessen? Überdies glaubten viele vormoderne Kulturen an höhere Bewusstseinszustände, zu denen die Menschen mit Hilfe von Meditation, Rauschmitteln oder Ritualen Zugang fanden. Schamanen, Mönche und Asketen erkundeten systematisch die geheimnisvollen Territorien des Geistes und kamen vollbeladen mit atemberaubenden Geschichten zurück.
Sie berichteten von unbekannten Zuständen höchster Ruhe, extremer Sinnesschärfe und beispielloser Sensibilität. Sie erzählten davon, wie der Geist sich ins Unendliche weitete oder in die völlige Leere auflöste.
Die humanistische Revolution sorgte dafür, dass die moderne westliche Kultur den Glauben und das Interesse an höheren Geisteszuständen verlor und die profanen Erfahrungen des Allerweltsmenschen heiligsprach.
Der modernen westlichen Kultur fehlt es somit bemerkenswerterweise an einer besonderen Klasse von Menschen, die aussergewöhnliche mentale Zustände erleben wollen. Jeder, der das tut, ist in ihren Augen ein Drogensüchtiger, Geisteskranker oder Scharlatan. Insofern verfügen wir zwar über eine detaillierte Karte der mentalen Landschaft von Psychologiestudenten aus Harvard, wissen aber weit weniger über die mentalen Landschaften indianischer Schamanen, buddhistischer Mönche oder sufistischer Mystiker. Und das ist nur der Geist des Sapiens. Vor 50 000 Jahren teilten wir uns diesen Planeten mit unseren Cousins aus Neandertal. Sie schossen keine Raumschiffe ins All, erbauten keine Pyramiden und errichteten keine Imperien. Sie verfügten ganz offenkundig über ganz andere geistige Fähigkeiten, während ihnen gleichzeitig viele unserer Talente fehlten. Trotzdem hatten sie grössere Gehirne als wir Sapiens. Was genau stellten sie mit all diesen Neuronen an? Wir haben absolut keine Ahnung. Vermutlich aber verfügten sie über viele Geisteszustände, die kein Sapiens je erlebt hat.
Doch selbst wenn wir alle menschlichen Arten, die je existierten, berücksichtigen, würde das noch immer nicht das gesamte mentale Spektrum abdecken. Andere Tiere haben vermutlich Erlebnisse, die wir Menschen uns kaum vorstellen können. Fledermäuse beispielsweise erleben die Welt mittels Echoortung. Sie stossen einen sehr schnellen Strom von hochfrequenten Schreien aus, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind. Anschliessend nehmen sie die zurückkommenden Echos auf und interpretieren sie, um sich daraus ein Bild von der Welt zu basteln.
Die Fledermäuse leben in einer Welt der Echos. So wie in der menschlichen Welt jedes Objekt eine spezifische Form und Farbe hat, so hat in der Fledermauswelt jedes Objekt sein Echomuster. Eine Fledermaus kann aufgrund der unterschiedlichen Echos, die von deren zarten Flügeln zurückkommen, zwischen einer schmackhaften und einer giftigen Nachtfalterart unterscheiden. Einige essbare Falterarten versuchen sich zu schützen, indem sie ein Echomuster entwickeln, das dem einer giftigen Art ähnelt. Andere Nachtfalter haben die höchst bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, die Wellen des Fledermausradars abzulenken, sodass sie wie Tarnkappenbomber unbemerkt von der Fledermaus umherfliegen. Die Welt der Echoortung ist so komplex und bewegt wie unsere vertraute Welt des Hörens und Sehens, aber wir sind ihr gegenüber völlig blind. Wir können noch so viele Algorithmen über den Körper der Fledermaus, über ihre Echoortungssysteme und über ihre Nervenzellen schreiben, aber das wird uns nichts darüber verraten, wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu sein. Wie fühlt es sich an, einen Falter anhand seines Flügelschlags zu orten? Ist es so ähnlich, als würde man ihn sehen, oder ist es etwas völlig anderes?
Einem Sapiens erklären zu wollen, wie es sich anfühlt, mittels Echo einen Schmetterling zu orten, ist vermutlich genauso aussichtslos, wie wenn man einem blinden Maulwurf vermitteln wollte, wie es sich anfühlt, vor einem Bild von Caravaggio zu stehen. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Emotionen einer Fledermaus stark von der zentralen Rolle beeinflusst sind, die ihr Echoortungssinn spielt. Sowenig wir Sapiens wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, so wenig verstehen wir, wie es sich anfühlt, ein Wal, ein Tiger oder ein Pelikan zu sein. Es fühlt sich ohne Zweifel nach etwas an, aber wir wissen nicht, wonach. Sowohl Wale als auch Menschen verarbeiten Emotionen in einer Gehirnregion, die man als das „limbische System“ bezeichnet, doch beim Wal enthält diese Funktionseinheit einen ganzen zusätzlichen Teil, der beim Menschen fehlt. Sorgt dieser Teil möglicherweise dafür, dass Wale extrem tiefe und komplexe Gefühle erleben, die uns fremd sind? Wale können überdies erstaunliche musikalische Erlebnisse haben, die nicht einmal einem Bach oder einem Mozart zuteil wurden. Sie können sich über Hunderte von Kilometern hören, und jeder Wal verfügt über ein Repertoire an charakteristischen „Gesängen“, die Stunden dauern und sehr komplexe Strukturen aufweisen können. Gelegentlich komponiert ein Wal einen neuen Hit, den andere Wale überall im Ozean übernehmen. Wissenschaftler nehmen diese Hits regelmässig auf und analysieren sie mit Hilfe von Computern, aber kann sich irgendein Mensch diese musikalischen Erfahrungen vorstellen und den Unterschied zwischen einem Beethoven-Wal und einem Justin-Bieber-Wal feststellen? Das alles sollte uns nicht überraschen. Die Sapiens herrschen nicht deshalb über die Welt, weil sie über tiefere Emotionen oder komplexere musikalische Erlebnisse als andere Tiere verfügen. In manchen Gefühls- und Erfahrungsbereichen könnten wir Walen, Fledermäusen, Tigern und Pelikanen womöglich sogar unterlegen sein. Jenseits des mentalen Spektrums von Menschen, Fledermäusen, Walen und allen anderen Tieren könnten noch grössere und fremdere Kontinente lauern. Aller Wahrscheinlichkeit nach gibt es eine unendliche Vielfalt von Geisteszuständen, die kein Sapiens, keine Fledermaus und kein Dinosaurier in vier Milliarden Jahren irdischer Evolution je erlebt haben, weil sie nicht über die notwendigen Fähigkeiten verfügten.
Textcollage: Andreas Gerber
Text aus: Yuval Noah Harari „Homo Deus“ Eine Geschichte von Morgen. Titel der Originalausgabe: „Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Wirthensohn. Verlag C.H.Beck oHG, München 2017