Virenschild

Wenn Bilder genauso wie Gattungen ko-evolutionäre Lebensformen auf der Ebene von Viren sind, dann ist der Künstler oder Bilder-Macher ein blosser Wirt, der eine Herde von Parasiten mit sich herumträgt, die sich fröhlich reproduzieren und sich gelegentlich in jenen denkwürdigen Exemplaren manifestieren, die wir »Kunstwerke« nennen. Was geschieht aber mit Sozialgeschichte, mit Politik, ästhetischem Wert, der Intention des Künstlers, dem Rezeptionsakt des Betrachters, wenn an diesem Modell etwas dran ist? Meine Antwort lautet: Nur die Zeit wird es zeigen. Wenn es sich um ein steriles, unproduktives Bild handelt, wird keine Eloquenz meinerseits es lebendig werden lassen. Wenn es dagegen »Beine hat«, ist es durch nichts aufzuhalten.

Aus: Mitchell W.J.T, Kapitel III, Visuelle Kultur, S. 290 In: Bildtheorie, Verlag Suhrkamp