Wenn man fragt, was ein Placebo ist, werden die meisten Leute wahrscheinlich antworten, das sei im Grunde genommen – gar nichts.
Gemeinhin versteht man unter einem Placebo eine Substanz – in vielen Fällen eine Zuckerpille -, die in der pharmazeutischen Forschung dazu eingesetzt wird, die Wirksamkeit eines echten Arzneimittels zu erfassen. Tatsächlich kann aber so ziemlich alles als ein Placebo dienen – nicht bloss eine Tablette, sondern auch eine Person, eine bestimmte Umgebung, selbst ein Talisman. Das Faszinierende an Placebos ist ja, dass sie uns das Gefühl geben, dass es uns besser geht – obwohl sie gar keine medizinischen Inhaltsstoffe enthalten.
In der Forschung benutzen wir Placebos, um zu überprüfen, ob ein neues Medikament oder eine neue Behandlungsmethode über ihre suggestive Kraft hinaus einen nachweisbaren therapeutischen Effekt erzielen. Damit erkennen wir an, dass wir mit unseren Gedanken per se schon über ein gewisses Heilungspotenzial verfügen; trotzdem verbinden wir mit Placebos kaum die Vorstellung, diese könnten von sich aus irgendetwas von Bedeutung bewirken – lange Zeit sind sie als etwas zu einem höheren Zweck Dienendes missverstanden worden, das aber selbst ohne Wert und Nutzen ist.
Placebos sind Teil der uralten menschlichen Tradition, Objekten oder Symbolen den Status von etwas «Magischem» zu verleihen. So wurde dem aus zwei miteinander verflochtenen Dreiecken bestehenden, als «Hexagramm» bekannten mythischen Siegel König Salomons unter anderem die Macht zugeschrieben, böse Geister und Dämonen zu verjagen, und die Swastika galt lange vor ihrer Vereinnahmung durch die Nazis (als «Hakenkreuz») als religiöses Glückssymbol. Und in Guatemala drückt man heute noch ängstlichen Kindern kleine, in Maya-Tracht gekleidete «Sorgenpuppen» in die Hand, die ihre Ängste und Nöte vertreiben sollen.
Andere Leute erschaffen sich ihre ganz eigenen Glücksbringer; Supermodel Heidi Klum zum Beispiel trägt stets ein Beutelchen mit ihren eigenen ersten Zähnen bei sich, wenn sie ein Flugzeug besteigt, und drückt es an sich, falls die Maschine unterwegs in Turbulenzen gerät (es soll angeblich helfen). Michael Jordan trug bei jedem Spiel seine Shorts aus Collegezeiten unter den Shorts der Chicago Bulls. Und die angeblich
heilende Wirkung von Kristallen hat diese in jüngster Zeit zu einem Milliardengeschäft gemacht. Es lässt sich also mit Fug und Recht sagen, dass wir von Placebos nur so umgeben sind, und wir sollten uns davor hüten, Menschen, die ihr Maskottchen innig lieben, leichtfertig als kindisch abzutun: Streng wissenschaftlich betrachtet ist das ein völlig rationales Verhalten.
Eine Vielzahl von Studien weist nach, dass der feste Glaube, ein Placebo – ob es sich dabei nun um einen Talisman, die als heilend empfundene Gegenwart eines anderen Menschen, etwa eines Schamanen oder eines Arztes des Vertrauens oder aber auch ein ganz spezielles Umfeld handelt – könne bewirken, dass wir uns bald wieder besser fühlen, selten trügt. Beispiele hierfür gibt es genug; genannt werden ein Nachlassen der Magenkrämpfe bei Patienten mit Reizdarmsyndrom, weniger häufig auftretende Kopfschmerzattacken bei an Migräne leidenden Menschen und eine Erholung der Atemorgane bei Asthmatikern. Obwohl es je nach Krankheit und Allgemeinzustand des zu Behandelnden auch hier Unterschiede bei den Heilerfolgen gibt – wie ehedem schon manche von Mesmers Patienten [siehe Mesmerismus] empfänglicher für seine Heilversuche waren als andere – kann dieser Heilerfolg im Zweifelsfall doch recht bedeutend sein.
Und was lernen wir aus diesen – und aus zahlreichen anderen – Studien? Die Kraft unseres Verstandes kann es manchmal auch mit der modernen Medizin aufnehmen.
Angesichts der vielfältigen Wirksamkeit von Placebos stellt sich die Frage, woher ihre wundersame Effizienz kommt. Und dabei hat die Erklärung dafür ganz und gar
nichts Wundersames an sich, sondern einfach mit etwas zu tun, womit sich unser Gehirn wohl oder übel in jeder wachen Sekunde unseres Lebens beschäftigt: unseren Erwartungen.
Wenn wir diesen Gedanken fortspinnen, erkennen wir recht bald, dass wir uns in beinahe jeder Sekunde unseres Lebens auf unsere Erwartungen verlassen: Wir gehen.
Wir bewegen uns. Wir sprechen. Nun halten wir mal eine Sekunde lang inne und vergegenwärtigen uns, wodurch uns das möglich ist. Wie entscheiden wir beim Gehen darüber, wo wir unseren Fuss hinsetzen? In welche Richtung wir laufen müssen, um einen Ball zu fangen? Wie wir unsere Stimme heben oder senken müssen, wenn wir vor einem grösseren Publikum sprechen? Das gelingt uns alles, weil wir ständig, und zwar sowohl bewusst als auch unbewusst, Voraussagen darüber treffen, was wohl als Nächstes passieren wird, und unser Gehirn sich dementsprechend darauf einstellt.
Unser Gehirn ist eine Maschine mit prophetischen Gaben, die pausenlos bemüht ist, uns dabei zu helfen, uns in der Welt zurechtzufinden. Und je mehr frühere Erfahrungen wir in das einbringen können, was von uns erwartet wird, umso besser sollte uns das gelingen. Und das ist nicht nur im Hinblick auf unser Verhalten relevant, sondern betrifft auch die inneren Erfahrungen unseres Körpers – und hier kommen auch die Placebos ins Spiel. Sie sind es, die unsere Erwartungshaltung in die richtige Bahn lenken und so unser geistiges und körperliches Wohlbefinden beeinflussen.
Jede Erwartungshaltung, die wir einnehmen, beruht auf dem Vorbewussten – also den Inhalten, die weder aktuell präsent – also bewusst – sind noch in unserem Unterbewusstsein schlummern. Das Vorbewusste liegt dazwischen – es umfasst ein
Wissen, das erst aktiviert werden muss, um in unser Bewusstsein zu gelangen.
Diese Aktivierung geschieht aber nicht durch Nachdenken über etwas, sondern als reflexive, automatische Reaktion, womit wieder der Zusammenhang mit Placebos hergestellt ist, auf die wir ja in ähnlicher Weise unbewusst reagieren.
Einfacher ausgedrückt: Wir glauben an etwas. Und dieser Glaube wirkt sich auf unsere Erwartungshaltung aus, was wiederum dafür sorgt, dass wir uns bald besser fühlen. Man erzählt uns Dinge, die wir uns irgendwann zu eigen machen, und wir lernen aus unseren Erfahrungen. Dieser Prozess schafft im Gehirn eine Infrastruktur der Erwartungen. Woran genau wir glauben, hängt von den Menschen ab, mit denen wir Umgang pflegen und von den Dingen, die uns widerfahren.
Wenn wir also etwas glauben wollen – sprich: es für wahr halten wollen -, sind unsere neuronalen Schaltkreise gefordert, den Aktivierungsgrad der entsprechenden Regionen des Gehirns zu erhöhen oder herunterzufahren.
Das einzige Problem besteht darin, dass Placebos ihre Wirkung durch die Hintertür entfalten, und die ist manchmal gar nicht so leicht zu öffnen. Damit ein Placebo wirken kann, müssen wir bereit sein, uns der Täuschung hinzugeben, dass wir ein Mittel einnehmen oder eine Behandlung über uns ergehen lassen, von dem oder von der tatsächlich eine heilende Wirkung ausgeht.
Textcollage: Andreas Gerber
Text aus: Ethan Kross CHATTER – Die Stimme in deinem Kopf
Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel
«Chatter – The Voice in Our Head. Why it matters and how to harness it»
bei Crown Publishing, New York.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Leon Mengden
Verlag: btb