Halbkugelschild

Gespräch mit Gottfried Boehms „Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens“

In meiner Beschäftigung mit bildender Kunst interessieren mich auch kunsttheoretische und philosophische Fragen, allen voran:

Warum ist für die Menschen die Fläche so wichtig, wo ist der Ursprung und wie verläuft die Geschichte der Projektion einer dreidimensionalen Welt auf die flache Fläche?

Die anregende Lektüre des Buches „Wie Bilder Sinn erzeugen“ eröffnet weitere, untergeordnete Fragen. Hier ergibt sich für mich ein Gespräch, das ich sehr gerne in der einen oder anderen Form weiterführen möchte. Ausgehend von einigen Zitaten aus dem Buch, habe ich eine Reihe solcher Fragen formuliert.

1. Seite 9: Wie immer sich zeigen mag- verfeinert, virtuos, ästhetisch, simulativ, erkennntnishaft, technisch verfügbar und in all dem auf verschiedenste Weisen plausibel-, sie [die Frage nach den Bildern] ist doch nichts anderes als ein Substrat aus Material. Aus dem allerdings etwas ganz anderes, etwas Immaterielles, eine Ansicht, mithin ein Sinn aufsteigt, ohne sich je von diesem Grund zu lösen. Bilder sind spannungsgeladene, real-irreale Körper.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: Wo liegt der Ursprung, der Anfang der Bilder als real-irreale Körper?

2. Seite 36: Im Sinne einer elementaren Verständigung wird man sie [die Bilder] auf ein materielles Substrat zurückführen können. Bilder gehen in Materie freilich nicht auf. Auf Oberflächen, im Schmutz der Farbe, in Stein, auf Holz oder Leinwand, auf lichtempfindlichen Trägern oder digitalen Schirmen zeigt sich stets auch etwas Anderes: eine Sicht, ein Anblick, ein Sinn – eben ein Bild.

Seite 35: Bildkompetenz und Bildkritik werden sich nicht entfalten lassen, wenn der Status des Ikonischen unscharf bleibt, Bilder zwar allerorten eingesetzt werden, ohne dass wir hinreichend genau wüssten, wie sie  funktionieren.

Seite 34: Man weiss, dass Bilder eine eigene Kraft und einen eigenen Sinn haben. Dieses Wissen ist uralt und wurde von vielen Menschen bis in die Prähistorie zurück geteilt.

Etwas anderes ist es nun allerdings zu verstehen, wie diese ikonische Sinnerzeugung funktioniert. Trotz zweieinhalbtausend Jahren europäischer Wissenschaft blieb dieses Problem seltsam marginalisiert.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: Warum sind die Menschen derart verliebt in ihre Projektionen auf die flache Fläche?

3. Seite18: Bilder adressieren sich, dank ihrer Frontalität, immer an zwei Augen.

Seite 68: Die Logik der Bilder liesse sich ohne Rücksicht auf die Organisation unserer Sinnesorgane nicht diskutieren. Sie bewirkt unter anderem, dass wir den visuellen Raum stets frontal erschliessen, dass sich das Sichtbare via seiner „Vorderseiten“ zeigt, deren Rückseiten konstitutionell verborgen bleiben, weil sich das Zeigen zugleich verdeckt.

Seite 49: Tatsächlich präsentiert sich unserer Sicht jeweils eine bestimmte Ansicht, die auf das Auge hin organisiert ist und gleichsam zu uns zurückblickt.

[…]

Bilder sind gewiss immer auch Festlegungen, sie lassen das Leben in Materie erstarren und erwecken es mit künstlerischen Mitteln scheinbar neu.

[…]

Erst das gesehene Bild ist in Wahrheit ganz Bild geworden.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: In welcher Beziehung steht die biologische Funktionsweise unserer Augen zur flachen Fläche?

4. Seite 248: Die heutigen Bildtechniken behandeln die Realität als ein Reservoir an Informationen.

Wer Abbilder macht, der möchte sie mobilisieren, in den Informationskreislauf der Gesellschaft einschleusen.

Seite11: Wer sich des Internets bedient, hat zum Beispiel Zugang zur flächendeckenden Erdbeobachtung der Satellitenphotographie und ist, gegebenenfalls, imstande, sich mit ihrer Hilfe auf den eigenen Kopf zu schauen, jenes Haus als Bild vor sich zu bringen, in dem er sich gerade aufhält. Tatsächlich stehen damit definitiv Bild und Welt, beide völlig entgrenzt und unvermittelt, einander gegenüber.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: Erschliessen sich viele Bildinhalte heutzutage nur noch als zweidimensionale, flache und frontale Ansicht?

5. Seite 85: Der Landschaftsmaler wäre dem Landvermesser spätestens seit dem 19. Jahrhundert auch dann nicht mehr begegnet, wenn beide das gleiche Stück Land zur gleichen Zeit „bearbeitet“ hätten.

Seite 210: …denn das wahrgenommene Ding unterscheidet sich ja von seiner Darstellung grundlegend.

Der wichtigste Unterschied hat mit der Implikation des Unsichtbaren im Sichtbaren zu tun.

Auch Bilder präsentieren ausschliesslich Vorderseiten. Wie immer sie aussehen mögen, wir blicken auf Farben und Formen, die sich uns zeigen, die etwas bedeuten. Was ihnen freilich völlig fehlt, ist ihre Rückseite. Niemals werden wir in den Rücken dargestellter Personen oder Gegenstände gelangen, mit ihnen aus dem Bild blicken wie der Schauspieler von der Bühne.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: Was sind die Voraussetzungen dafür, dass Informationen auf einer flache Fläche ohne Missverständnise als Bild interpretierbar sind?

6. Seite 69: Erst wenn der visuelle Kontrast das Feld seiner Erscheinung so organisiert, dass es sich als überschaubare Grösse sui generis manifestieren kann, das heisst, wenn er sich mit Mass und Grenzen verbindet, reden wir von einem Bild.

Seite 184: Die Anordnung der dargestellten Elemente trifft Matisse so, dass sie die Fläche zu überborden scheinen, über sie hinaustreiben. Eine expansive, eine zentrifugale Kraft wird erkennbar und versetzt das Bild in einen Spannungszustand. […]

Entscheidend ist aber die Lenkung der Aufmerksamkeit auf die vier Bildränder, die primäre und blitzartig vollzogene Wahrnehmung der Fläche als Ganzheit. […]

An den Rändern entscheidet sich nicht nur, was wir sehen und was nicht, von dort her bestimmt sich vor allem die Art und Weise, wie das Bild als Bild, das heisst als eine Einheit vor seinen Teilen, wahrgenommen wird.Vor allem aber lässt sich hier jener zentrifugale Schub ablesen, der den inneren Raum des Bildes auf einen unbestimmten Raum, ausserhalb seiner, erweitert.[…]

Und sie tragen die aufgestauten Kräfte über die Fläche hinaus, das blosse Faktum einer Grenze wird zum Anlass eines Ereignisses.

Der von Matisse favorisierte Vorrang des Ganzen, den wir dank der Betonung der Bildränder erfahren, bringt zugleich eine Öffnung des Gemäldes zustande.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: Warum ist ein flaches, randloses, unendliches Bild nicht möglich?

7. Seite 105: Die Glasscheibe macht deutlich, dass die perspektivische Konstruktion auf einer Projektion in die Fläche beruht und dass sie Anblicke liefert, die das Bild einansichtig, das heisst stets von vorne aufschliessen.

Seite106: Die unerhörte Leistung der Perspektivkonstruktion durch den Ingenieur Brunelleschi war es, die flexible und ungreifbare Ubiquität des Blickes zu rationalisieren, sie in ein Konstrukt zu verwandeln.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: Funktionieren perspektivische Konstruktionen auschliesslich als zweidimensionale Projektion auf die flache Fläche?

8. Seite 51: In einer ganz anderen Entwicklungslinie entstand wohl in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die erfolgreichste und bis heute omnipräsente kognitive Bildform, nämlich das Diagramm. […] Das statistische Quantum springt um in ein anschauliches Quale.

Voraussetzung war, dass das Bildfeld nicht nur als gegliederte Fläche, sondern als Funktion der Koordinaten x und y, also von Abszisse und Ordinate, betrachtet wurde, deren jeweilige mathematische Beziehung sich als „Lösung“ auf der Fläche verbildlicht.

Seite 13: Kurzum: Seitdem nicht mehr feststeht, wie ein Bild aussehen soll, wird die wissenschaftliche Frage nach dem Bild aktuell. Eine Frage, die auch jene Wissenschaftsbilder bzw. bildgebenden Verfahren mitumfasst, die zuletzt durch die digitalen Technologien ermöglicht worden sind, die sich seit den achtziger Jahren durchzusetzten begannen. In einer in der Geschichte des Wissens bis dahin ungekannten Direktheit werden Bilder jetzt zu Instrumenten, die Erkenntnisse ermöglichen, die nur auf diesem Wege so zu gewinnen sind. Daten und Informationen, die sich – des Umfangs wegen –  sonst kaum beherrschen liessen, werden mit der simultaneisierenden Kraft des Bildes überschaubar, gewinnen Evidenz und Überprüfbarkeit. Mit Magnetresonanztomographie, Rastertunnelmikroskop oder dem Hubbleteleskop – um nur drei besonders bekannte Beispiele eines expandierenden Feldes zu benennen – vollzieht sich eine ikonische Durchdringung der Realität, welche die Möglichkeiten traditioneller Photographie bei weitem überbietet. Die Welt wird bis in ihre Atome hinein zum Bild. Daten verschiedenster Art, denen lediglich gemeinsam ist, dass sie das menschliche Auge nicht wahrzunehmen vermag, werden auf digitalem Wege ins Feld der Sichtbarkeit umgerechnet, als Bilder erschlossen.

Seite 208: Unter der „Logik der Bilder“ verstehen wir eine ihnen eigentümliche, nur ihnen selbst abzulesende Weise, Sinn zu erzeugen. Wir arbeiten also mit der Prämisse, dass Bilder unserer Sprache, den Begriffen und Wissen Wichtiges hinzufügen, das nur auf diesem Weg zu erfahren ist.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: Werden Erkenntnisse ermöglicht, die nur auf diesem Wege so zu gewinnen sind. Nämlich zweidimensional, flach und in frontaler Ansicht?

9. Seite 110: Das röntgenologische Schichtbild liefert achsiale Durchschnitte, es präpariert optische Ebenen, die jetzt nicht zu einem Summationsbild interferieren. Bei dieser wie bei ähnlichen Techniken, auch der traditionellen Röntgenaufnahme, ist das gewonnene Bild ausschliessliches

Explikat einer Technologie, die sich ganz auf die Klärung der bildlichen Referenz konzentriert.

Der Eigenwert des Sichtbaren dient dazu, einen bestimmten bildexternen Sachverhalt aufzuklären.

Hiervon ausgehend ergibt sich für mich die Frage: Nehmen Techniken, die Informationen über die flache Fläche transportieren heutzutage zu?

Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Vierte Auflage im Februar 2015. Berlin University Press.